> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Vermischte Gedichte: An Schwager Kronos (174)

2020-07-06

J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Vermischte Gedichte: An Schwager Kronos (174)

Goethe Gedichte



  
       An  Schwager Kronos          

 Spude dich, Kronos! 
 Fort den rasselnden Trott! 
 Bergab gleitet der Weg; 
 Ekles Schwindeln zögert 
 Mir vor die Stirne dein Zaudern. 
 Frisch, holpert es gleich, 
 Über Stock und Steine den Trott 
 Rasch ins Leben hinein! 

 Nun schon wieder 
 Den eratmenden Schritt 
 Mühsam Berg hinauf! 
 Auf denn, nicht träge denn, 
 Strebend und hoffend hinan! 

 Weit, hoch, herrlich der Blick 
 Rings ins Leben hinein; 
 Vom Gebirg zum Gebirg 
 Schwebet der ewige Geist, 
 Ewigen Lebens ahndevoll. 

Seitwärts des Überdachs Schatten 
Zieht dich an 
Und ein Frischung verheißender Blick 
Auf der Schwelle des Mädchens da. 
Labe dich! - Mir auch, Mädchen, 
Diesen schäumenden Trank, 
Diesen frischen Gesundheitsblick! 

Ab denn, rascher hinab! 
Sieh, die Sonne sinkt! 
Eh sie sinkt, eh mich Greisen 
Ergreift im Moore Nebelduft, 
Entzahnte Kiefer schnattern 
Und das schlotternde Gebein - 

Trunknen vom letzten Strahl 
Reiß mich, ein Feuermeer 
Mir im schäumenden Aug, 
Mich geblendeten Taumelnden 
In der Hölle nächtliches Tor. 

Töne, Schwager, ins Horn, 
Raßle den schallenden Trab, 
Daß der Orkus vernehme: wir kommen, 
Daß gleich an der Türe 
Der Wirt uns freundlich empfange. 

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