> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Vermischte Gedichte: Grenzen der Menschheit (180)

2020-07-06

J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Vermischte Gedichte: Grenzen der Menschheit (180)

 Goethe Gedichte





Grenzen der Menschheit 

Wenn der uralte 
Heilige Vater 
Mit gelassener Hand 
Aus rollenden Wolken 
Segnende Blitze 
Über die Erde sät, 
Küß ich den letzten 
Saum seines Kleides, 
Kindliche Schauer 
Treu in der Brust.

Denn mit Göttern 
Soll sich nicht messen 
Irgendein Mensch 
Hebt er sich aufwärts 
Und berührt 
Mit dem Scheitel die Sterne, 
Nirgends haften dann 
Die unsichern Sohlen, 
Und mit ihm spielen 
Wolken und Winde.

Steht er mit festen, 
Markigen Knochen 
Auf der wohlgegründeten, 
Dauernden Erde, 
Reicht er nicht auf, 
Nur mit der Eiche 
Oder der Rebe 
Sich zu vergleichen. 

Was unterscheidet 
Götter von Menschen? 
Daß viele Wellen 
Vor jenen wandeln, 
Ein ewiger Strom: 
Uns hebt die Welle, 
Verschlingt die Welle, 
Und wir versinken. 

Ein kleiner Ring 
Begrenzt unser Leben, 
Und viele Geschlechter 
Reihen sich dauernd 
An ihres Daseins 
Unendliche Kette.

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