> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Vermischte Gedichte: Liebebedürfnis (185)

2020-07-07

J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Vermischte Gedichte: Liebebedürfnis (185)

Goethe Gedichte



Liebebedürfnis 

Wer vernimmt mich? ach, wem soll ich's klagen? 
Wer's vernähme, würd er mich bedauern? 
Ach, die Lippe, die so manche Freude 
Sonst genossen hat und sonst gegeben, 
Ist gespalten, und sie schmerzt erbärmlich. 
Und sie ist nicht etwa wund geworden, 
Weil die Liebste mich zu wild ergriffen, 
Hold mich angebissen, daß sie, fester 
Sich des Freunds versichernd, ihn genösse: 
Nein, das zarte Lippchen ist gesprungen, 
Weil nun über Reif und Frost die Winde 
Spitz und scharf und lieblos mir begegnen. 

Und nun soll mir Saft der edlen Traube, 
Mit dem Saft der Bienen bei dem Feuer 
Meines Herds vereinigt, Lindrung schaffen. 
Ach, was will das helfen, mischt die Liebe 
Nicht ein Tröpfchen ihres Balsams drunter? 

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