> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Vermischte Gedichte: Wandrers Sturmlied (175)

2020-07-06

J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Vermischte Gedichte: Wandrers Sturmlied (175)



Goethe Gedichte



Wandrers   Sturmlied 

Wen du nicht verlässest, Genius, 
Nicht der Regen, nicht der Sturm 
Haucht ihm Schauer übers Herz. 
Wen du nicht verlässest, Genius, 
Wird dem Regengewölk, 
Wird dem Schloßensturm 
Entgegensingen, 
Wie die Lerche, 
Du da droben. 

Den du nicht verlässest, Genius, 
Wirst ihn heben übern Schlammpfad 
Mit den Feuerflügeln; 
Wandeln wird er 
Wie mit Blumenfüßen 
Über Deukalions Flutschlamm, 
Python tötend, leicht, groß, 
Pythius Apollo. 

Den du nicht verlässest, Genius, 
Wirst die wollnen Flügel unterspreiten, 
Wenn er auf dem Felsen schläft, 
Wirst mit Hüterfittichen ihn decken 
In des Haines Mitternacht. 

Wen du nicht verlässest, Genius, 
Wirst im Schneegestöber 
Wärmumhüllen; 
Nach der Wärme ziehn sich Musen, 
Nach der Wärme Charitinnen. 

Umschwebet mich, ihr Musen, 
Ihr Charitinnen! 
Das ist Wasser, das ist Erde 
Und der Sohn des Wassers und der Erde, 
Über den ich wandle 
Göttergleich. 

Ihr seid rein wie das Herz der Wasser, 
Ihr seid rein wie das Mark der Erde, 
Ihr umschwebt mich, und ich schwebe 
Über Wasser, über Erde, 
Göttergleich.  

Soll der zurückkehren, 
Der kleine, schwarze, feurige Bauer? 
Soll der zurückkehren, erwartend 
Nur deine Gaben, Vater Bromius, 
Und helleuchtend, umwärmend Feuer? 
Der kehren mutig? 

Und ich, den ihr begleitet, 
Musen und Charitinnen alle, 
Den alles erwartet, was ihr, 
Musen und Charitinnen, 
Umkränzende Seligkeit 
Rings ums Leben verherrlicht habt, 
Soll mutlos kehren? 

Vater Bromius! 
Du bist Genius, 
Jahrhunderts Genius, 
Bist, was innre Glut 
Pindarn war, 
Was der Welt 
Phöbus Apoll ist. 

Weh! Weh! Innre Wärme, 
Seelenwärme, 
Mittelpunkt! 
Glüh entgegen 
Phöb' Apollen; 
Kalt wird sonst 
Sein Fürstenblick 
Über dich vorübergleiten, 
Neidgetroffen 
Auf der Zeder Kraft verweilen, 
Die zu grünen 
Sein nicht harrt.       

Warum nennt mein Lied dich zuletzt? 
Dich, von dem es begann, 
Dich, in dem es endet, 
Dich, aus dem es quillt, 
Jupiter Pluvius! 
Dich, dich strömt mein Lied, 
Und kastalischer Quell 
Rinnt ein Nebenbach, 
Rinnet Müßigen, 
Sterblich Glücklichen 
Abseits von dir, 
Der du mich fassend deckst, 
Jupiter Pluvius! 

Nicht am Ulmenbaum 
Hast du ihn besucht, 
Mit dem Taubenpaar 
In dem zärtlichen Arm, 
Mit der freundlichen Ros umkränzt, 
Tändelnden ihn, blumenglücklichen 
Anakreon, 
Sturmatmende Gottheit! 

Nicht im Pappelwald 
An des Sybaris Strand, 
An des Gebirgs 
Sonnebeglänzter Stirn nicht 
Faßtest du ihn, 
Den blumensingenden, Honiglallenden, 
Freundlich winkenden 
Theokrit. 

Wenn die Räder rasselten 
Rad an Rad rasch ums Ziel weg, 
Hoch flog 
Siegdurchglühter 
Jünglinge Peitschenknall 
Und sich Staub wälzt' 
Wie vom Gebirg herab 
Kieselwetter ins Tal, 
Glühte deine Seel Gefahren, Pindar, 
Mut. - Glühte? - 
Armes Herz! 
Dort auf dem Hügel, 
Himmlische Macht! 
Nur so viel Glut, 
Dort meine Hütte, 
Dorthin zu waten! 

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