> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Zahme Xenien 3 (360)

2020-07-19

J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Zahme Xenien 3 (360)






   Zahme  Xenien III 

Gönnet immer fort und fort 
Bakis eure Gnade: 
Des Propheten tiefstes Wort, 
Oft ist's nur Scharade. 

Willst du dich als Dichter beweisen, 
So mußt du nicht Helden noch Hirten preisen. 
Hier ist Rhodus! Tanze, du Wicht, 
Und der Gelegenheit schaff ein Gedicht! 

Man mäkelt an der Persönlichkeit, 
Vernünftig, ohne Scheu; 
Was habt ihr denn aber, was euch erfreut, 
Als eure liebe Persönlichkeit? 
Sie sei auch, wie sie sei. 

Wer etwas taugt, der schweige still, 
Im stillen gibt sich's schon; 
Es gilt, man stelle sich, wie man will, 
Doch endlich die Person. 

»Was heißt du denn Sünde?« 
Wie jedermann, 
Wo ich finde, 
Daß man's nicht lassen kann. 

Hätte Gott mich anders gewollt, 
So hätt er mich anders gebaut; 
Da er mir aber Talent gezollt, 
Hat er mir viel vertraut. 
Ich brauch es zur Rechten und Linken, 
Weiß nicht, was daraus kommt; 
Wenn's nicht mehr frommt, 
Wird er schon winken. 

An unsers himmlischen Vaters Tisch 
Greift wacker zu und bechert frisch: 
Denn Gut' und Böse sind abgespeist, 
Wenn's: »Jacet ecce Tibullus!« heißt. 

Sage mir keiner: 
Hier soll ich hausen! 
Hier, mehr als draußen, 
Bin ich alleiner. 

Die echte Konversation 
Hält weder früh noch Abend Stich; 
In der Jugend sind wir monoton, 
Im Alter wiederholt man sich. 

»Alter Mond, in deinen Phasen 
Bist du sehr zurückgesetzt.« 
Freunde, Liebchen auch zuletzt 
Haben nichts als Phrasen. 

»Du hast dich dem allerverdrießlichsten Trieb 
In deinen Xenien übergeben.« 
Wer mit XXII den »Werther« schrieb, 
Wie will der mit LXXII leben! 

Erst singen wir: »Der Hirsch so frei 
Fährt durch die Wälder - Lalla bei « 
Mit vollem Wohlbehagen; 
Doch sieht es schon bedenklich aus, 
Wird aus dem Hirsch ein HirscheL, 
Hat viel mehr Enden zu tragen! 
In Lebenswald und Dickichtgraus 
Er weiß nicht da noch dort hinaus, 
Das geht auf einen HirscheLL hinaus                                 - 

Heil unsern alten Tagen!!! 
Habt ihr das alles recht bedacht? 
So wie der Tag ist wohl vollbracht, 
Ist keiner überzählig; 
Verstand und Sinn ist hehr und weit, 
Doch wird euch, zu gelegener Zeit, 
Auch das Absurde fröhlich. 

Fehlst du, laß dich's nicht betrüben: 
Denn der Mangel führt zum Lieben; 
Kannst dich nicht vom Fehl befrein, 
Wirst du andern gern verzeihn. 

Die Jugend verwundert sich sehr, 
Wenn Fehler zum Nachteil gedeihen; 
Sie faßt sich, sie denkt zu bereuen! 
Im Alter erstaunt und bereut man nicht mehr. 

»Wie maß ich gern und lange leben?« 
Mußt immer nach dem Trefflichsten streben: 
Des unerkannt Trefflichen wirket so viel, 
Und Zeit und Ewigkeit legt ihm kein Ziel. 

Alt Tümer sind ein böses Ding,  
Ich schätze sie aber nicht gering; 
Wenn nur Neu Tümer, in allen Ehren,  
Auch um so vieles besser wären. 
»Irr Tümer sollen uns plagen?    - 
Ist nicht an unser Heil gedacht?« 
Halb Tümer solltet ihr sagen, 
    - 
Wo Halb und Halb kein Ganzes macht 
Auf Pergament Lieb und Haß geschrieben, 
Ist, was wir heute hassen und lieben; 
Wo käme Lieb und Haß denn her, 
Wenn er nicht schon von alters wär! 

Sagt nur nichts halb: 
Ergänzen, welche Pein! 
Sagt nur nichts grob: 
Das Wahre spricht sich rein. 

»Entferne dich nicht ganz und gar, 
Beruhige dich in unserm Orden!« 
Es ist alles noch, wie es war, 
Nur ist es verworrner geworden. 
Und was man für bedeutend hält, 
Ist alles auf schwache Füße gestellt. 

Was mich tröstet in solcher Not: 
Gescheite Leute, sie finden ihr Brot, 
Tüchtige Männer erhalten das Land, 
Hübsche Mädchen verschlingen das Band; 
Wird dergleichen noch ferner geschehn, 
So kann die Welt nicht untergehn. 

»Wie hast du an der Welt noch Lust, 
Da alles schon dir ist bewußt?« 
Gar wohl! Das Dümmste, was geschieht, 
Weil ich es weiß, verdrießt mich nicht. 
Mich könnte dies und das betrüben, 
Hätt ich's nicht schon in Versen geschrieben. 

Zum starren Brei erweitert 
Sah ich den See gar eben, 
Ein Stein, hineingeschleudert, 
Konnte keine Ringe geben. 
Ein Wutmeer sah ich schwellend, 

Gischend zum Strand es fuhr, 
Der Fels, hinab zerschellend, 
Ließ eben auch keine Spur. 
Dreihundert Jahre sind vorbei, 
Werden auch nicht wiederkommen, 
Sie haben Böses, frank und frei, 
Auch Gutes mitgenommen; 
Und doch von beiden ist auch euch 
Der Fülle genug geblieben: 
Entzieht euch dem verstorbnen Zeug, 
Lebend'ges laßt uns lieben! 

Nichts ist zarter als die Vergangenheit: 
Rühre sie an wie ein glühend Eisen: 
Denn sie wird dir sogleich beweisen, 
Du lebest auch in heißer Zeit. 

Dreihundert Jahre sind vor der Türe, 
Und wenn man das alles mit erführe, 
Erführe man nur in solchen Jahren, 
Was wir zusammen in dreißig erfahren. 
Lieb und Leidenschaft können verfliegen, 
Wohlwollen aber wird ewig siegen. 

»Entfernst du dich, du liebe Seele, 
Wieviel ist uns entrissen!« 
Wenn ich euch auch nicht fehle, 
Werdet ihr mich immer vermissen. 

Ein Mann, der Tränen streng entwöhnt, 
Mag sich ein Held erscheinen; 
Doch wenn's im Innern sehnt und dröhnt, 
Geb ihm ein Gott - zu weinen. 

»Du hast Unsterblichkeit im Sinn; 
Kannst du uns deine Gründe nennen?« 
Gar wohl! Der Hauptgrund liegt darin, 
Daß wir sie nicht entbehren können. 

Der Sinn ergreift und denkt sich was, 
Die Feder eilt hiernach zu walten: 
Ein flüchtig Bild, es ist gefaßt, 
Allein es läßt sich nicht erhalten. 

All unser redlichstes Bemühn 
Glückt nur im unbewußten Momente. 
Wie möchte denn die Rose blühn, 
Wenn sie der Sonne Herrlichkeit erkennte! 

Wär nicht das Auge sonnenhaft, 
Die Sonne könnt es nie erblicken; 
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraß, 
Wie könnt uns Göttliches entzücken? 

Was auch als Wahrheit oder Fabel 
In tausend Büchern dir erscheint, 
Das alles ist ein Turm zu Babel, 
Wenn es die Liebe nicht vereint. 

Das Beste in der Welt 
Ist ohne Dank; 
Gesunder Mensch ohne Geld 
Ist halb krank. 

Wohl! wer auf rechter Spur 
Sicht in der Stille siedelt; 
Im Offnen tanzt sich's nur, 
Solang Fortuna fiedelt. 

Du irrest, Salomo! 
Nicht alles nenn ich eitel: 
Bleibt doch dem Greise selbst 
Noch immer Wein und Beutel. 

Überall trinkt man guten Wein, 
Jedes Gefäß genügt dem Zecher; 
Doch soll es mit Wonne getrunken sein, 
So wünsch ich mir künstlichen griechischen Becher. 

Künstler! zeiget nur den Augen 
Farbenfülle, reines Rund! 
Was den Seelen möge taugen: 
Seid gesund und wirkt gesund. 

Entweicht, wo düstre Dummheit gerne schweift, 
Inbrünstig aufnimmt, was sie nicht begreift; 
Wo Schreckensmärchen schleichen, stutzend fliehn 
Und unermeßlich Maße lang sich ziehn. 

Modergrün aus Dantes Hölle 
Glücklich Naturell und Fleiß. 
Ladet zu der klaren Quelle 
Bannet fern von eurem Kreis. 

Und so haltet, liebe Söhne, 
Einzig euch auf eurem Stand: 
Denn das Gute, Liebe, Schöne, 
Leben ist's dem Lebensband. 

»Denkst du nicht auch an ein Testament?« 
Keineswegs! - Wie man vom Leben sich trennt, 
So muß man sich trennen von Jungen und Alten, 
Die werden's alle ganz anders halten. 

»Geht dir denn das von Herzen, 
Was man von dir hört und liest?« 
Sollte man das nicht bescherzen, 
Was uns verdrießt? 

Sie schelten einander Egoisten; 
Will jeder doch nur sein Leben fristen. 
Wenn der und der ein Egoist, 
So denke, daß du es selber bist. 
Du willst nach deiner Art bestehn, 
Mußt selbst auf deinen Nutzen sehn! 
Dann werdet ihr das Geheimnis besitzen, 
Euch sämtlich untereinander zu nützen; 
Doch den laßt nicht zu euch herein, 
Der andern schadet, um etwas zu sein. 

»Bei so verworrnem Spiele 
Wird mir wahrhaftig bangt« 
Es gibt der Menschen so viele, 
Und es ist der Tag so lang. 

Volle sechsundsiebzig Jahre sind geschieden, 
Und nun, dächt ich, wäre Zeit zum Frieden: 
Tag für Tag wird wider Willen klüger; 
Amor jubiliert und Mars, den Krieger! 

»Was lassen sie denn übrig zuletzt, 
Jene unbescheidnen Besen?« 
Behauptet doch Heute steif und fest, 
Gestern sei nicht gewesen. 

Es mag sich Feindliches eräugnen, 
Du bleibe ruhig, bleibe stumm; 
Und wenn sie dir die Bewegung leugnen, 
Geh ihnen vor der Nas herum. 

Vieljähriges dürft ich euch wohl vertrauen! 
Das Offenbare wäre leicht zu schauen, 
Wenn nicht die Stunde sich selbst verzehrte 
Und immer warnend wenig belehrte; 
Wer ist der Kluge, wer ist der Tor? 
Wir sind eben sämtlich als wie zuvor. 

»Was hast du denn? Unruhig bist du nicht 
Und auch nicht ruhig; machst mir ein Gesicht, 
Als schwanktest du, magnetischen Schlaf zu ahnen.« 
Der Alte schlummert wie das Kind, 
Und wie wir eben Menschen sind, 

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