> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Epigrammatisch (345)

2020-07-18

J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Epigrammatisch (345)







Epigrammatisch 

Nationalversammlung 

   Auf der recht und linken Seite, 
   Auf dem Berg und in der Mitten 
   Sitzen, stehen sie zum Streite, 
   All einander ungelitten. 

   Wenn du dich ans Ganze wendest 
   Und votierest, wie du sinnest, 
   Merke, welchen du entfremdest, 
   Fühle, wen du dir gewinnest. 

      Dem 31. Oktober  1817 

Dreihundert Jahre hat sich schon 
Der Protestant erwiesen, 
Daß ihn von Papst und Türkenthron 
Befehle baß verdrießen. 

Was auch der Pfaffe sinnt und schleicht, 
Der Prediger steht zur Wache, 
Und daß der Erbfeind nichts erreicht, 
Ist aller Deutschen Sache. 

Auch ich soll gottgegebne Kraft 
Nicht ungenützt verlieren 
Und will in Kunst und Wissenschaft 
Wie immer protestieren. 

 Nativität 

  Der Deutsche ist gelehrt, 
  Wenn er sein Deutsch versteht; 
  Doch bleib ihm unverwehrt, 
  Wenn er nach außen geht. 
  Er komme dann zurück, 
  Gewiß um viel gelehrter; 
  Doch ist's ein großes Glück, 
  Wenn nicht um viel verkehrter. 

                Das Parterre spricht             

   Strenge Fräulein zu begrüßen, 
   Muß ich mich bequemen; 
   Mit den lüderlichen Süßen 
   Werd ich's leichter nehmen. 

   Auf der Bühne lieb ich droben 
   Keine Redumschweife; 
   Soll ich denn am Ende loben, 
 Was ich nicht begreife? 

 Lose, faßliche Gebärden 
 Können mich verführen; 
 Lieber will ich schlechter werden 
 Als mich ennuyieren. 

              Auf  den Kauf                 

Wo ist einer, der sich quälet 
Mit der Last, die wir getragen? 
Wenn es an Gestalten fehlet, 
Ist ein Kreuz geschwind geschlagen. 

Pfaffenhelden singen sie, 
Frauen wohl empfohlen, 
Oberleder bringen sie, 
Aber keine Sohlen. 

Jung' und Alte, groß und klein, 
Gräßliches Gelichter! 
Niemand will ein Schuster sein, 
Jedermann ein Dichter. 

Alle kommen sie gerennt, 
Möchten's gerne treiben; 
  Doch wer keinen Leisten kennt, 
  Wird ein Pfuscher bleiben. 

  Willst du das verfluchte Zeug 
  Auf dem Markte kaufen, 
  Wirst du, eh es möglich deucht, 
  Wirst du barfuß laufen. 

  Ins Einzelne 

Seit vielen Jahren hab ich still 
Zu eurem Tun geschwiegen, 
Das sich am Tag und Tageswill 
Gefällig mag vergnügen. 

Ihr denkt, woher der Wind auch weht 
Zu Schaden und Gewinne, 
Wenn es nach eurem Sinne geht, 
Es ging' nach einem Sinne. 

Du segelst her, der andre hin, 
Die Woge zu erproben, 
Und was erst eine Flotte schien, 
Ist ganz und gar zerstoben. 

    Ins Weite 

      Das geht so fröhlich 
      Ins Allgemeine! 
      Ist leicht und selig, 
      Als wär's auch reine. 
      Sie wissen gar nichts 
      Von stillen Riffen; 
      Und wie sie schiffen, 
      Die lieben Heitern, 
      Sie werden wie gar nichts 
      Zusammen scheitern. 

            Kronos als Kunstrichter               

Saturnus eigne Kinder frißt, 
Hat irgend kein Gewissen; 
Ohne Senf und Salz und wie ihr wißt, 
Verschlingt er euch den Bissen. 

Shakespearen sollt es auch ergehn 
Nach hergebrachter Weise; - 
»Den hebt mir auf«, sagt Polyphem, 
»Daß ich zuletzt ihn speise.« 

    Grundbedingung 

   Sprichst du von Natur und Kunst, 
   Habe beide stets vor Augen: 
   Denn was will die Rede taugen 
   Ohne Gegenwart und Gunst! 

   Eh du von der Liebe sprichst, 
   Laß sie erst im Herzen leben, 
   Eines holden Angesichts 
   Phosphorglanz dir Feuer geben. 

    Jahraus, jahrein 

Ohne Schrittschuh und Schellengeläut 
Ist der Januar ein böses Heut. 

Ohne Fastnachtstanz und Mummenspiel 
Ist am Februar auch nicht viel. 

Willst du den März nicht ganz verlieren, 
So laß nicht in April dich führen. 

Den ersten April mußt überstehn, 
Dann kann dir manches Guts geschehn. 

Und weiterhin im Mai, wenn's glückt, 
Hat dich wieder ein Mädchen berückt. 

Und das beschäftigt dich so sehr, 
Zählst Tage, Wochen und Monde nicht mehr. 

                      Nett und niedlich                    

  Hast du das Mädchen gesehn 
  Flüchtig vorübergehn? 
  Wollt, sie wär meine Braut! 
  Jawohl! die Blonde, die Falbe! 
  Sie fitticht so zierlich wie die Schwalbe, 
  Die ihr Nest baut. 

  Du bist mein und bist so zierlich, 
  Du bist mein und so manierlich, 
  Aber etwas fehlt dir noch: 
  Küssest mit so spitzen Lippen, 
  Wie die Tauben Wasser nippen; 
  Allzu zierlich bist du doch. 

  Für  Sie 

 »In deinem Liede walten 
 Gar manche schöne Namen!« 
 Sind mancherlei Gestalten, 
 Doch nur ein Rahmen. 

 »Nun aber die Schöne, 
 Die dich am Herzen hegte?« 
 Jede kennt die Töne, 
 Die sie erregte. 

 Genug 

Immer niedlich, immer heiter, 
Immer lieblich! und so weiter, 
Stets natürlich, aber klug; 
Nun, das, dächt ich, wär genug. 

    Dem Absolutisten 

      »Wir streben nach dem Absoluten 
      Als nach dem allerhöchsten Guten.« 
      Ich stell es einem jeden frei; 
      Doch merkt ich mir vor andern Dingen: 
      Wie unbedingt, uns zu bedingen, 
      Die absolute Liebe sei. 

 Rätsel 

Ein Werkzeug ist es, alle Tage nötig, 
Den Männern weniger, den Frauen viel, 
Zum treusten Dienste gar gelind erbötig, 
Im einen vielfach, spitz und scharf. 
Sein Spiel Gern wiederholt, wobei wir uns bescheiden: 
Von außen glatt, wenn wir von innen leiden. 
Doch Spiel und Schmuck erquickt uns nur aufs neue, 
Erteilte Lieb ihm erst gerechte Weihe. 

 Desgleichen 

Die besten Freunde, die wir haben, 
Sie kommen nur mit Schmerzen an, 
Und was sie uns für Weh getan, 
Ist fast so groß als ihre Gaben. 
Und wenn sie wieder Abschied nehmen, 
Muß man zu Schmerzen sich bequemen. 

 Feindseliger Blick 

»Du kommst doch über so viele hinaus, 
Warum bist du gleich außerm Haus, 
Warum gleich aus dem Häuschen, 
Wenn einer dir mit Brillen spricht? 
Du machst ein ganz verflucht Gesicht 
Und bist so still wie Mäuschen.« 

Das scheint doch wirklich sonnenklar! 
Ich geh mit Zügen frei und bar, 
Mit freien, treuen Blicken; 
Der hat eine Maske vorgetan, 
Mit Späherblicken kommt er an, 
Darein sollt ich mich schicken? 

Was ist denn aber beim Gespräch, 
Das Herz und Geist erfüllet, 
Als daß ein echtes Wortgepräg 
Von Aug zu Auge quillet! 
Kommt jener nun mit Gläsern dort, 
So bin ich stille, stille; 
Ich rede kein vernünftig Wort 
Mit einem durch die Brille. 

Vielrat 

 Spricht man mit jedermann, 
 Da hört man keinen, 
 Stets wird ein andrer Mann 
 Auch anders meinen. 
 Was wäre Rat sodann 
 Vor unsern Ohren? 
 Kennst du nicht Mann für Mann, 
 Du bist verloren. 

    Kein Vergleich! 

Befrei uns Gott von s und ung , 
Wir können sie entbehren; 
Doch wollen wir durch Musterung 
Nicht uns noch andre scheren. 

Es schreibt mir einer: »Den Vergleich 
Von Deutschen und Franzosen« - 
Und jeder Patriot sogleich 
Wird heftig sich erbosen. 

Kein Christenmensche hört ihm zu; 
Ist denn der Kerl bei Sinnen? 
Vergleichung aber läßt man zu, 
Da müssen wir gewinnen. 

       Kunst und Altertum             

 »Was ist denn Kunst und Altertum? 
 Was Altertum und Kunst?« 
 Genug, das eine hat den Ruhm, 
 Das andre hat die Gunst. 

Panazee 

»Sprich, wie du dich immer und immer erneust?« 
Kannst's auch, wenn du immer am Großen dich freust. 
Das Große bleibt frisch, erwärmend, belebend; 
Im Kleinlichen fröstelt der Kleinliche bebend. 

                          Homer wieder  Homer                       

       Scharfsinnig habt ihr, wie ihr seid, 
       Von aller Verehrung uns befreit, 
       Und wir bekannten überfrei, 
       Daß Ilias nur ein Flickwerk sei. 

       Mög unser Abfall niemand kränken; 
       Denn Jugend weiß uns zu entzünden, 
       Daß wir ihn lieber als Ganzes denken, 
       Als Ganzes freudig ihn empfinden. 

 Wandersegen 

Die Wanderjahre sind nun angetreten, 
Und jeder Schritt des Wandrers ist bedenklich. 
Zwar pflegt er nicht zu singen und zu beten; 
Doch wendet er, sobald der Pfad verfänglich, 
Den ernsten Blick, wo Nebel ihn umtrüben, 
Ins eigne Herz und in das Herz der Lieben. 

    Gleichgewinn 

    Geht einer mit dem andern hin 
    Und auch wohl vor dem andern; 
    Drum laßt uns treu und brav und kühn 
    Die Lebenspfade wandern. 
    Es fällt ein jüngerer Soldat 
    Wohl in den ersten Schlachten; 
    Der andre muß ins Alter spat 
    Im Biwak übernachten. 
    Doch weiß er eifrig seinen Ruhm 
    Und seines Herrn zu mehren, 
    So bleibt sein letztes Eigentum 
    Gewiß das Bett der Ehren. 

 Lebensgenuß 

»Wie man nur so leben mag? 
Du machst dir gar keinen guten Tag!« 
Ein guter Abend kommt heran, 
Wenn ich den ganzen Tag getan. 

Wenn man mich da und dorthin zerrt                   - 
Und wo ich nichts vermag, 
Bin von mir selbst nur abgesperrt, 
Da hab ich keinen Tag. 

Tut sich nun auf, was man bedarf 
Und was ich wohl vermag, 
Da greif ich ein, es geht so scharf, 
Da hab ich meinen Tag. 

Ich scheine mir an keinem Ort, 
Auch Zeit ist keine Zeit, 
Ein geistreich aufgeschloßnes Wort              - 
Wirkt auf die Ewigkeit. 

              Heut  und  Ewig                   

Unmöglich ist's, den Tag dem Tag zu zeigen, 
Der nur Verworrnes im Verworrnen spiegelt, 
Und jeder selbst sich fühlt als recht und eigen, 
Statt sich zu zügeln, nur am andern zügelt; 
Da ist's den Lippen besser, daß sie schweigen, 
Indes der Geist sich fort und fort beflügelt. 
Aus Gestern wird nicht Heute; doch Äonen, 
Sie werden wechselnd sinken, werden thronen. 

    Schlußpoetik 

     Sage, Muse, sag dem Dichter, 
     Wie er denn es machen soll! 
     Denn der wunderlichsten Richter 
     Ist die liebe Welt so voll. 

     Immer hab ich doch den rechten, 
     Klaren Weg im Lied gezeigt, 
     Immer war es doch den schlechten, 
     Düstren Pfaden abgeneigt. 

     Aber was die Herren wollten, 
     Ward mir niemals ganz bekannt; 
Wenn sie wüßten, was sie sollten, 
Wär es auch wohl bald genannt. 

»Willst du dir ein Maß bereiten, 
Schaue, was den Edlen mißt, 
Was ihn auch entstellt zu Zeiten, 
Wenn der Leichtsinn sich vergißt. 

Solch ein Inhalt deiner Sänge, 
Der erbauet, der gefällt, 
Und im wüstesten Gedränge 
Dankt's die stille, beßre Welt. 

Frage nicht nach anderm Titel, 
Reinem Willen bleibt sein Recht! 
Und die Schurken laß dem Büttel 
Und die Narren dem Geschlecht.« 


 Der   Kölner Mummenschanz     

 Fastnacht 1825 

 Da das Alter, wie wir wissen, 
 Nicht für Torheit helfen kann, 
 Wär es ein gefundner Bissen 
 Einem heitern alten Mann, 

Daß am Rhein, dem vielbeschwommnen, 
Mummenschar sich zum Gefecht 
Rüstet gegen angekommnen 
Feind, zu sichern altes Recht. 

Auch dem Weisen fügt behäglich 
Sich die Torheit wohl zur Hand, 
Und so ist es gar verträglich, 
Wenn er sich mit euch verband. 

Selbst Erasmus ging den Spuren 
Der Moria scherzend nach, 
Ulrich Hutten mit Obskuren 
Derbe Lanzenkiele brach. 

Löblich wird ein tolles Streben, 
Wenn es kurz ist und mit Sinn; 
Heiterkeit zum Erdeleben 
Sei dem flüchtigen Rausch Gewinn. 

Häufet nur an diesem Tage 
Kluger Torheit Vollgewicht, 
Daß mit uns die Nachwelt sage: 
Jahre sind der Lieb und Pflicht. 

            Der Narr epilogiert                  

Manch gutes Werk hab ich verricht', 
Ihr nehmt das Lob, das kränkt mich nicht: 
Ich denke, daß sich in der Welt 
Alles bald wieder ins gleiche stellt. 
Lobt man mich, weil ich was Dummes gemacht, 
Dann mir das Herz im Leibe lacht; 
Schilt man mich, weil ich was Gutes getan, 
So nehm ich's ganz gemächlich an. 
Schlägt mich ein Mächtiger, daß es schmerzt, 
So tu ich, als hätt er nur gescherzt; 
Doch ist es einer von meinesgleichen, 
Den weiß ich wacker durchzustreichen. 
Hebt mich das Glück, so bin ich froh 
Und sing in dulci jubilo; 
Senkt sich das Rad und quetscht mich nieder, 
So denk ich: Nun, es hebt sich wieder! 
Grille nicht bei Sommersonnenschein, 
Daß es wieder werde Winter sein; 
Und kommen die weißen Flockenscharen, 
Da lieb ich mir das Schlittenfahren. 
Ich mag mich stellen, wie ich will, 
Die Sonne hält mir doch nicht still, 
Und immer geht's den alten Gang 
Das liebe lange Leben lang. 
Der Knecht so wie der Herr vom Haus 
Ziehen sich täglich an und aus, 
Sie mögen sich hoch oder niedrig messen: 
Müssen wachen, schlafen, trinken und essen. 
Drum trag ich über nichts ein Leid; 
Macht's wie der Narr, so seid ihr gescheit!

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