> Gedichte und Zitate für alle: Gedichte von Jakob Immanuel Pyra: Des Thirsis weissagender Segen über Hilas (5)

2020-08-22

Gedichte von Jakob Immanuel Pyra: Des Thirsis weissagender Segen über Hilas (5)




Des Thirsis weissagender Segen über Hilas

Heil mit dir, du theurer Knabe,
Anmuthsvolles holdes Kind,
Hoffnungsreicher Hilas, wachse!
Sprossend blühend edler Zweig,
Eines Gottgeweihten Stammes,
Unter dessen süssen Schatten
Thirsis, der getreue, sang:
Steige glücklich in die Lüfte.

Du befeuchtend heilger Segen
Thaue auf sein grünend Haupt,
Aus dem schattenleeren Himmel.
Und du Sonne ewger Huld,
Breite die geweihten Strahlen
Ueber seine junge Blätter.
Ja die Vorsicht wache selbst
Für dein Wachstum, dein Gedeyen.

Freude deines edlen Vaters,
Eintzger Trost der treuen Brust,
Ja du wächsest, ja du blühest,
Mein Gelübde wird erhört.
Freude, Lachen, Schertzen, flattern
Rund um dich auf allen Seiten.
Und wer führt dich an der Hand,
Ists Aglaja, oder Doris?

Ja sie ists, sie führt ihn lächelnd,
Und ihr Hertz hüpft, wie ihr Söhnchen.
Aber alle Gratien
Tantzen um sie her im Kreise,
Und bestreuen sie mit Blumen,
Doris lächelt, spielt und singt.
Ihr vergnügensvoller Blick
Macht die trüben Lüfte heiter,
Machet lauter Rosen wachsen,
Und der Lentz herrscht überall

Unterdessen sitzet Damon
Freudig, doch in ernster Stille,
Und sein Ernst ist Hilas Spiel.
Alles Lachen, Springen, Schertzen,
Die Lebhaftigkeit der Freude,
Die Entzückung in der Lust,
Munterkeit in den Geberden,
Saltz in ungesuchten Worten,
Seines Geistes Schildereyen,
Prüft dein philosophscher Blick,
Untersucht, mit frohen Schlüssen,
Dein wahrsagendes Gemüthe.
Ja von deiner muntern Jugend
Siehest du das Lustspiel hier,
Von der Unschuld aufgeführet.
Und die frohe Weisheit selber
Mischt sich unter das Geleite
Der vergnügen Kindheit ein.
Ja sie führt ihr lachend Chor
Selbst zum Tantze, an den Reihen.
Hilas hüpft in ihrem Circkel,
Dessen junges Haar ein Kräntzgen
Von den Gratien durchbalsamt,
Und die Mutter singt zum Tantze.

Aber, welch ein neuer Aufzug!
Welch ein Glantz zertheilt die Wolcken!
Sieh hinauf, des Himmels Thor
Oeffnet seine goldne Flügel,
Und die Kinder jenes Lichtes
Steigen mit begläntzten Schwingen
In den nahen Hain herab.

Sie umringen meinen Hilas,
Und die heilig holden Hüter
Wachen über jeden Schritt.
Unbesorgt spielt er mit ihnen,
Einem kleinen Engel gleich.
Himmlisch reine Harmonien
Schallen durch die nahen Büsche,
Und gewöhnen schon sein Ohr
Zu unsterblichen Gedichten.

Aus der unsichtbaren Schule
Kömmt er einst in deine Hand;
Dann wird sich von deinem Geiste
Ein gelehrter Einfluß stets
In des jungen Dichters Brust,
Der dir nachgeflogen, giessen.
Ja mich dünckt, wir sehen ihn
Schon mit deinen Flöten spielen.

Strenges Schicksal, könnt ich doch
Dann um meinen Hilas seyn,
Wann sein Mund den nahen Wald,
Seine zitternd erste Töne
Wiederschallen lehren wird.
Damon, Doris, Hilas, ach!
Sollt ich doch an eurer Seite
Einst mein Schwanen-Lied noch singen!
Und du, o mein liebster Freund,
Thränend einst mein Grabmal krönen!

Keine Kommentare: