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2020-09-04

Gedichte von Christian v. Stolberg: Der wahre Traum (6)






Der wahre Traum

1778.

Eine Ballade.

Wundersam, durch Dunkelheiten,
Geht, allheilige Natur,
Deines Zaubertrittes Spur;
Ahnend folgen die Geweihten;
Aber sieh, es irren, gleiten
Klüglinge, die selbst sich leiten,
Die des Dünkels Irrwischschein
Zieht in Sumpf und Pfuhl hinein.

Wohl mir, Göttinn, daß zu deiner
Hochbeglückten Jünger Schaar,
Als die Mutter mich gebar,
Du mich lasest, von gemeiner
Bahn mich führtest, zu geheimer
Weisheit Pfad, wo heller, reiner
Jeder Wahrheit Urborn quillt,
Und des Forschers Schmachten stillt.

Bald, als Feuersäul, erhebet
Sich dein Haupt gen Himmel; wir,
Voll Begeistrung, folgen dir
In die Himmel, neu belebet;
Bald, als Wolkensäul', umschwebet
Heilig Dunkel uns; dann bebet
Ahnungsschauer, der uns mild
Lockt in Edens Duftgefild'.

Oft, um mütterlich zu walten,
Lehr' und Warnung zu verleihn,
Wenn Gefährlichkeiten dräun,
Muth und Glaub' in uns erkalten,
Bei der Rechten uns zu halten,
Hüllst du dich in Traumgestalten,
Lispelst, in des Schlummers Ruh',
Offenbarungen uns zu.

So noch gestern. – Freunde, hören
Sollt ihr staunend, was geschah,
Welches Traumgesicht ich sah;
Eu'r Vertrauen zu vermehren,
Soll euch dieser Handschlag schwören,
Daß ich euch nicht will bethören,
Wahrlich dieser Traum nicht sei
Ein Gespinnst der Phantasei.

Als ich sanft und schlummernd ruhte,
Alles Kummers unbewußt,
Wohl auf meines Weibes Brust,
Horcht, da kam mit hohem Muthe,
Wie entsproßt aus edlem Blute,
Zu der Eich', an der ich ruhte,
Schön gewappnet, angethan
Nach der Ritter Brauch, ein Mann;

Reichte traulich mir die Rechte,
Traulich schlug ich drein, alsdann
Seine Red' er so begann:
»Müßig ruhst du hier? Ich dächte,
Lieber, kämst mit mir; ich möchte
Wetten schier, wohin ich brächte
Dich, da solltest du gestehn,
Daß du nie so was gesehn.«

Sonder Säumen thät ich wallen
Mit dem Ritter, der mich bald,
Wo am dunkelsten der Wald
Schattete, bald, nach Gefallen,
Leitete durch Felsenhallen,
Bald durch Trümmer wild verfallen,
Dann der schroffen Kluft entlang,
Dann bedroht vom Klippenhang.

Endlich langten wir zur Stelle,
Zu des Ritters Fehdeschloß,
Das ein Zwinger rund umschloß;
Brücken, Warten, Zinnen, Wälle,
Pforten, Stein so Pfost' als Schwelle,
Sicherten für Ueberfälle
Diese Burg; als wir davor,
Schloß von selbst sich auf das Thor.

Aus dem Thore schlich zur Linken,
Unterirdisch, wüst' und bang,
Ein gewölbter Niedergang;
Unter'm Fuß, so thät mir's dünken,
Sah ich Leichensteine blinken;
Aengstlich folgt' ich, sahe sinken
Eine Fallthür; Leichenduft
Athmete die grause Gruft.

Särge standen hier die Fülle.
Einer, schön von Marmelstein,
Hatt' ein eigen Kämmerlein.
»Hier in dieses Grabes Stille,«
Sprach der Ritter, »ist mein Wille,
Daß du sehest, Freund, die Hülle
Des Gebeins, einst weich und warm,
Ach! des Weib's in meinem Arm!«

Auf des Todtenmaales Mitte
War, von Silber, glatt und schön,
Ein gediegner Kelch zu sehn.
»Sage, Ritter, sag', ich bitte« – –
Zürnend blickt' er, winkt' und litte
Nicht zu enden, stieg drei Tritte,
Gab den Kelch mir, sah mich an:
»Zittre nicht! Du bist ein Mann!«

Kaum hatt' er den Kelch gegeben,
Als es in dem Wunderding
Brausend an zu gähren fing
Und mit Macht herauszustreben,
Gleich als ob der Traube Leben
Perlte drinnen; sich erheben
Thät alsbald der weiße Schaum
Höher denn des Kelches Saum.

Aus dem Schaumgesprudel stiegen
Holder Blümlein drei heraus,
Wanden sich in einen Strauß;
Schaum und Gährung sanken, schwiegen.
Schwebend sich im Kelche wiegen
Sah ich Ros' und Veilchen, schmiegen
Sich um beide, unschuldweiß,
Das geliebte Kind des Mai's.

Hold und lieblich duftend, blühten
Meine Blümlein; plötzlich gohr
Schaumgezisch im Kelch empor;
Sausend stieg's, verschlang mit Wüthen
Meine Blümlein; drauf versprühten
Gischt und Blasen, ängstlich mühten,
Ach! nicht lieblich, wie zuvor,
Meine Blümlein sich hervor.

Aschenfarb und welk, verblichen
Jede Schöne, süßer Duft
Nun verkehrt in Grabesluft!
Todesschweiß und Schauer schlichen,
Ob dem bangen, fürchterlichen
Anblick, über mich; entwichen
Wär ich schier. Der Rittersmann.
Sah's und hub zu reden an:

»Einst hatt' ich ein Weib! Besingen
Thät kein Dichter je ein Weib,
Schön, wie sie, an Seel' und Leib;
Keinem Maler (hundert gingen
Stolz zum Werke!) thät's gelingen,
Sie auf Leinewand zu bringen;
Sie nur malte fein und glatt
Einst sich auf ein Rosenblatt.

Einst hatt' ich ein Weib!« (Es bebten,
Als er's seufzte, perlenklar,
Thränen an der Wimper Haar.)
»Lieb' und Gegenliebe lebten
In uns; Ruh' und Wonn' umschwebten
Uns, und Heiterkeit; die webten
In des Lebens Ungemach
Süße Freuden, Nacht und Tag.«

Dennoch – Ach! der Weiber Herzen
Sind ein Räthsel allzumal! –
Fand sie Kurzweil manches Mal
Mir zu brüten Sorg' und Schmerzen,
Kalt zu küßen, kalt zu herzen,
Leicht mit meiner Ruh' zu scherzen,
Meiner Liebe! warm und treu,
Immer alt und immer neu!

Immer thät das Wunder währen
In dem Kelch; es saus'te, stieg,
Blühte, welkte, braus'te, schwieg.
»Was dies Sträußlein sei, dies Gähren,
Sollst du,« sprach er, »staunend hören.
Dieser Kelch faßt meine Zähren,
Die der Liebe Freudendrang,
Und auch Gram, vom Auge zwang!« –

Da erwacht' ich bebend. Sehen
Thät ich, statt des Traumes Bild,
Nur mein Weiblein süß und mild.
Ihres Odems leises Wehen,
Ihres Busens sanftes Blähen
Hieß mein Beben schnell vergehen.
Deine Warnung, Nachtgesicht,
Dank der Liebe! schreckt mich nicht!

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