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2020-09-04

Gedichte von Christian v. Stolberg: Elegie (10)






Elegie

1783.

An meine Neffen, die Grafen Johann Hartwig Ernst, Andreas und Christian Günther von
Bernstorff, bei ihrer Einsegnung, bald nach dem Tode ihrer Mutter.

Tretet näher zu Gottes Altar, ihr Jünglinge, hebet
Freudig das Aug' und empor freudig die Rechte des Schwurs!
Scheuet nicht den ernsteren Eid, der dem Feigen nur furchtbar
Ist, denn der nur verläßt fliehend die Fahne des Heers.
So nicht ihr! deß bin ich euch Bürg'! und wolltet, o ihr, die
Einer Lüge noch je Keiner vermochte zu zeih'n,
Wolltet ihr heute zeugen der Falschheit Zeugniß, es zeugen
Wider euch selber, und hier, stehend am Fuß des Altars?
Kommt, was säumet ihr? gebt mir die Rechte, gebt mir die Linke,
Lasset uns eilen, mich faßt höherer Ahnung Gefühl!
O, daß euch, wie einst dem Zeugen, der heiliges Zeugniß
Zeugte, als ihn hinab rann von den Steinen das Blut,
O, daß euch in der Stunde der Feier der Himmel sich aufthät',
Ihr dann schautet hinein – sähet und weintet – und säht
Sie mit ausgebreiteten Armen, schlagendem Busen,
Ach und blässerer Wang' und mit der Thrän' in dem Blick,
Himmlische Thränen zwar auf himmlischer Wange! doch weinend
Sähet und flehend ihr Sie, so wie die Mütter nur flehn,
Sähet die mütterlichste der Mütter, säht sie an Gottes
Thron Erbarmung für euch flehen, Erbarmung für Euch!
O wer liebte wie Sie! – ich wende mich, Kinder, verhülle
Mich und weine mit euch – Kinder, wer liebte wie Sie! –
Siehe, sie kniet an der Schwelle des Thrones, die Krone geworfen
Vor sich nieder, des Siegs Palme zu Boden gesenkt.
Bittende Hände streckt sie empor, zu Schimmer erblasset
Ihres Gewandes Glanz, ach, und die Harfe verstummt!
Lauter und lauter erschallet das Flehen der Mutter, es beben
Ihre Lippen, es stürzt heller die Thrän' in den Schooß,
Gnade, Gnade! fleht sie für euch – erbarmet der Mutter –
Bleibet redlich und fromm! – Kinder, erbarmet euch ihr!
So wie der Jüngstgeborne der sieben Söhne der Mutter
Sich erbarmet' und starb, o so erbarmet euch ihr,
Kinder, und lebet, und wallet auch ihr den Pfad, den sie selber
Wallete, ach, ihr saht, wie sie ihn strahlend beschloß! –
Saht, wie der Tod nicht Tod ihr war! – O daß ich's vermöchte
Auszureden! und, o, daß ich ihn stürbe den Tod
Dieser Gerechten! – und ihr! daß einst am Tage der Tage
Auch mit schlagender Brust, auch an der Schwelle des Throns,
Auch mit bebenden Lippen und ausgebreiteten Armen,
Kniee, flehend nicht mehr! dankend mit innigstem Dank,
Eure Mutter! Siehe, wie Sonnen leuchtet die Krone,
Und das Gewand, als gewebt hell von des Sirius Strahl,
Siehe, die Palme wehet empor und die Harfe verstummet
Nun nicht mehr, sie tönt Jubel und preisenden Dank.
Lauter und lauter erschallet die Freude der Mutter, ihr rinnen
Thränen der Lieb' und der Wonn' über die Wang' in den Schooß.
Theure Sprossen, erbarmet euch ihr! daß die frohste der Mütter
Schnell sich erheb' und euch, selige Schaar, zu dem Thron
Führ', und sich niederwerfend mit euch, in der Stimme des Jubels
Laut ausrufe – erbarmt, Kinder, erbarmet euch ihr! –
»Herr, hier sind wir, Mann und Weib und alle die Kinder,
Dir Anbetung und Dank! die du gegeben uns hast.«
Ach, daß dann sich erhüb' auch meine dankende Stimme!
Denn ich lieb' euch, und mehr, Kinder, vermöcht' ich es nicht,
Hätt' ich auch selbst euch gezeugt und hätte meiner Luise
Schooß euch geboren, genährt Sie euch aus säugender Brust.
Aber ach, mich schaudert und Todesschrecken umhüllen
Mich, die Leyer entsinkt meiner erbebenden Hand!
Ach, wenn einst an dem Tage der Tage, wenn Sie mit der Sehnsucht
Ungestüm – ach erbarmt, Kinder, euch ihr! – wenn sie dann
Ueberschaute mit Mutterblicken das Häuflein der Lieben,
Ach, und ihr forschender Blick suchte dann Einen umsonst!
O, dann wäre der Himmel für Sie nicht Himmel! wie Rahel
Auf den Gebirgen einst jammernde Klagen erhub,
Weinend irrte die Mutter umher und verschmähte die Tröstung,
Denn mit den Kindern war's und mit den Säuglingen aus.
Ach, so würde sie jammernd, daß alle Gebirge des Himmels
Wiederhallten, das Kind fordern, das sie nicht fand!
Wie der Hirte die Neunundneunzig, so würde die Zwölfe
Sie verlassen, und ach! suchen das Eine umsonst.
Das sei fern', o Gott der Götter! erbarme der Mutter
Du dich, o und Sein, deß den sie liebte, der dir
Reine Hände der Unschuld erhub als Jüngling und dir jetzt –
Furchtbar traf ihn dein Schwert! – feuriger dienet als Mann.
Edle, ihr seyd entsprossen aus Heldenblute! Die Väter
Waren bieder und fromm, züchtig die Mütter und fromm,
Waren Säulen in Gottes Tempel, Väter und Mütter,
O, die blicken auf euch nun von den Wolken herab!
Kommt, ihr Jünglinge, tretet zu Gottes Altar und erhebet
Freudig das Aug' und erhebt freudig die Rechte des Schwurs!
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